Die Landwirtschaft spielt eine Schlüsselrolle für die Biodiversität. In der Schweiz nutzt sie rund ein Drittel der Landesfläche und prägt damit die Agrarlandschaft stark. Früher entstanden durch eine vielfältige, kleinstrukturierte Bewirtschaftung viele wertvolle Lebensräume. Im Laufe des 20. Jahrhunderts führte jedoch die Intensivierung der Landwirtschaft dazu, dass viele dieser Strukturen verschwanden: Hecken, Bäume, Moore und Feuchtgebiete wurden entfernt, um grössere und produktivere Weide- und Ackerflächen zu schaffen. Gleichzeitig erhöhten Düngung und Pestizideinsatz zwar die Erträge, belasten aber Böden, Gewässer und Artenvielfalt. Monitoringberichte zeigen, dass die Biodiversität besonders in der Agrarlandschaft der tiefergelegenen Zonen auf tiefem Niveau stabil bleibt.
Viele Tier- und Pflanzenarten sind auf eine angepasste Bewirtschaftung angewiesen. Deshalb unterstützt der Bund biodiversitätsfördernde Massnahmen in der Landwirtschaft. Voraussetzung für Direktzahlungen ist der ökologische Leistungsnachweis (ÖLN). Dazu gehören unter anderem Biodiversitätsförderflächen (BFF). Mindestens sieben Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche eines Betriebs müssen als BFF ausgewiesen sein.
Zu den Biodiversitätsförderflächen (BFF) zählen beispielsweise extensiv genutzte Wiesen und Weiden, Streueflächen, Buntbrachen, Säume auf Ackerfläche, Ackerschonstreifen, Trockenmauern, Teiche, Hecken, Feld- und Ufergehölze oder Hochstamm-Feldobstbäume. Zusätzlich fördert der Bund Vernetzungs- und Landschaftsqualitätsprojekte, damit Lebensräume besser miteinander verbunden werden und sich Populationen austauschen können und typische Elemente der Kulturlandschaft erhalten bleiben.
Heute sind 19 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche als BFF ausgewiesen. Die gesetzten Etappenziele wurden teilweise übertroffen: Bereits 83 Prozent der BFF sind vernetzt, wovon insbesondere mobile Organismen wie Tagfalter und Brutvögel profitieren. Die Landwirtschaft hat damit wichtige Fortschritte erzielt. Gleichzeitig bleiben die Verbesserung der ökologischen Qualität der Biodiversitätsförderflächen sowie Fördermassnahmen in intensiv genutzten Ackerbaugebieten zentrale Anliegen.
Konsum
Die Vielfalt von Nutzpflanzenarten, Nutztierrassen sowie ihren wilden Verwandten nimmt weltweit ab. In der Schweiz sind ein Drittel aller Arten und die Hälfte der Lebensraumtypen gefährdet. Dadurch werden auch Agrarökosysteme anfälliger gegenüber Klimawandel, Schädlingen und Krankheiten. Gleichzeitig gehen genetische Ressourcen verloren, die für die langfristige Ernährungssicherheit und für die Züchtung neuer Sorten wichtig sind.
Ein Drittel der weltweiten Ernte hängt von tierischen Bestäubern wie Bienen, Vögeln oder Fledermäusen ab. Werden ihre Lebensräume zerstört oder die Tiere durch Pestizide geschädigt, gefährdet dies auch die Ernährungssicherheit.
Unsere Konsumentscheidungen beeinflussen die Produktionsweisen in der Landwirtschaft. Der Kauf regionaler Produkte sowie von Produkten mit Labels wie IP-SUISSE, Bio Suisse oder Demeter kann Landwirtschaftsbetriebe unterstützen, die über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus Biodiversitätsmassnahmen fördern.
Die Nahrungsmittelproduktion gehört weltweit zu den wichtigsten Treibern des Biodiversitätsverlusts. Hinzu kommen Siedlungsentwicklung sowie der Ausbau von Verkehrs- und Infrastrukturanlagen, wodurch natürliche Lebensräume zerstört oder zerschnitten und fruchtbare Böden überbaut werden.
Auch Food Waste belastet die Biodiversität erheblich. Lebensmittel, die produziert, aber nie konsumiert werden, beanspruchen unnötig landwirtschaftliche Flächen und verschwenden Wasser, Energie und andere natürliche Ressourcen.
Eine weitere Herausforderung sind invasive gebietsfremde Pflanzen. Sie können einheimische Arten verdrängen und ganze Ökosysteme verändern. Problematisch für die Landwirtschaft sind beispielsweise Kanadische Goldrute, Einjähriges Berufkraut, Aufrechtes Traubenkraut (Ambrosia) oder Japanischer Staudenknöterich. Gewisse invasive gebietsfremde Gartenpflanzen (beispielsweise Schmetterlingsstrauch, Kirschlorbeer, chinesische Hanfpalme) dürfen nicht mehr verkauft, verschenkt, vermietet oder in die Schweiz eingeführt werden. Zum Schutz der Biodiversität ist auch im Siedlungsgebiet wichtig, den Pestizideinsatz deutlich zu reduzieren.
Konsumentscheidungen haben weitreichende Auswirkungen auf Biodiversität, Klima und natürliche Ressourcen, auch wenn diese nicht unmittelbar sichtbar sind.
Klima
Die grössten globalen Auswirkungen auf die Natur haben – in absteigender Stärke – Veränderungen der Land- und Meeresnutzung, die direkte Ausbeutung von Organismen, der Klimawandel, die Umweltverschmutzung und invasiven Arten. Der Klimawandel gilt also derzeit als drittwichtigste Ursache des Biodiversitätsverlusts.
Steigende Temperaturen, veränderte Niederschläge und häufigere Extremereignisse setzen viele Arten zusätzlich unter Druck. Gleichzeitig beeinflusst der Zustand der Biodiversität auch das Klima: Intakte Ökosysteme speichern CO₂ und wirken als natürliche Puffer gegen Extremereignisse.
Die Biodiversitäts- und die Klimakrise verstärken sich gegenseitig, deshalb sind Massnahmen gegen beide Negativentwicklungen notwendig.
Zielkonflikte und Handlungsoptionen
Biodiversität ist Grundlage stabiler und funktionierender Ökosysteme. Der Wert der Biodiversität zeigt sich auch als Beitrag an uns Menschen in Form von Ökosystemleistungen: Gesunde Ökosysteme sorgen direkt oder indirekt für sauberes Wasser, fruchtbare Böden, die Bestäubung von Pflanzen, die natürliche Schädlingsregulierung oder das Wachstum von gesunden Wild- und Nutzpflanzen. Dank Biodiversität wird der CO2-Gehalt der Atmosphäre und der pH-Wert des Meereswassers reguliert oder die Wolkenbildung angetrieben. Biodiversität schützt uns vor Extremereignissen und schafft Räume, wo sich auch Menschen aufhalten und wohlfühlen.
Gleichzeitig nimmt die Biodiversität weltweit schneller ab als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Häufig profitieren anpassungsfähige, weit verbreitete Arten, während spezialisierte und seltene Arten zurückgehen, oder verschwinden. Dadurch verliert die Natur zunehmend ihre Fähigkeit, lebenswichtige Leistungen, auch für uns Menschen, bereitzustellen.
Der Verlust der Biodiversität betrifft Gesundheit und Wohlbefinden: Eine vielfältige Natur liefert potenzielle medizinische Wirkstoffe, kann übertragbare Krankheiten eindämmen und nicht übertragbaren Krankheiten wie Allergien, Asthma und Fettleibigkeit vorbeugen. Darüber hinaus stärkt Biodiversität die kulturelle Identität, bietet Erholung und besitzt für viele Menschen einen eigenen Wert.
Biodiversität bleibt unverzichtbare Grundlage der landwirtschaftlichen Produktion. Gesunde Böden, Bestäuber und natürliche Schädlingskontrolle sind essenziell für Erträge. Gleichzeitig kann es aber Zielkonflikte geben: Wenn Wiesen früh gemäht und stark gedüngt werden, steigt oft der Ertrag, doch die Artenvielfalt nimmt ab. Werden Wiesen später gemäht und weniger oder gar nicht gedüngt, profitieren Tiere und Pflanzen, die Erträge fallen jedoch meist geringer aus.
Als konkrete Massnahme werden Biodiversitätsförderflächen mit den Qualitätsstufen QI und QII mit höheren Beiträgen unterstützt, wenn sie besonders wertvoll für Tiere und Pflanzen sind. Auch nachhaltige Systeme wie die Agroforstwirtschaft zeigen Vorteile: Dabei werden Bäume mit Ackerbau kombiniert, was die Bodenfruchtbarkeit und die Strukturvielfalt im Kulturland verbessert.
Konkrete Lösungen zeigen bereits Wirkung: BFF-Qualitätsstufen (QI/QII) belohnen hochwertige Flächen mit höheren Beiträgen. Vernetzung verbindet einzelne Flächen, sodass Insekten und Vögel Populationen austauschen können. Langfristig stabile Erträge lassen sich durch eine standortangepasste, ressourcenschonende Landwirtschaft und ausreichend Flächen für die Biodiversität sichern.
Dafür braucht es nachhaltige Produktionssysteme, geeignete politische Rahmenbedingungen sowie den Verzicht auf besonders riskante Pestizide. Ebenso wichtig sind individuelle Beiträge, etwa bewussten Konsum, weniger Food Waste und die Unterstützung nachhaltiger Landwirtschaft (14). Zum Schutz von Klima und Biodiversität sind insbesondere in den Bereichen Ernährung, Mobilität und Wohnen grundlegende Veränderungen notwendig.
Diskussion
Wenn ich weniger Platz beanspruche, bleibt mehr für die Biodiversität übrig.
Fragen
Wie kann Landwirtschaft gleichzeitig genügend Lebensmittel produzieren und die Biodiversität besser schützen?
Welche Auswirkungen haben unsere täglichen Konsumentscheidungen (z.B. Ernährung oder Food Waste) konkret auf die Biodiversität?
Warum sind Bestäuber wie Bienen so wichtig für unsere Ernährung – und wie können wir sie schützen?
Inwiefern verstärken sich Klimawandel und Biodiversitätsverlust gegenseitig?
Welche konkreten Massnahmen könnten im Alltag und im Siedlungsraum umgesetzt werden, um die Biodiversität zu fördern?
Agrarökosystem Ein Agrarökosystem ist ein vom Menschen geschaffenes, naturnahes System, das primär für die Produktion von Nahrungsmitteln, Futtermitteln, Brennstoffen oder Fasern bewirtschaftet wird. Dazu gehören Ackerflächen, Wiesen, Obstplantagen und damit verbundene Strukturen wie Hecken oder Teiche. Sie unterscheiden sich von natürlichen Ökosystemen durch intensive Nutzung und menschliche Eingriffe.
Biodiversität Biodiversität bezeichnet die Vielfalt des Lebens. Sie ist die Grundlage für alles Leben auf der Erde und umfasst drei Ebenen: die Vielfalt der Ökosysteme, die Vielfalt an Arten und die genetische Variabilität innerhalb von Arten. In der modernen Ökologie wird die funktionelle Biodiversität als weitere Ebene genannt.
Direktzahlungen Direktzahlungen sind Geldzahlungen vom Staat an die Landwirte für Leistungen, welche über den Markt nicht entschädigt werden. Das heisst, damit werden beispielsweise die Landschaftspflege und der Erhalt der Kulturlandschaft finanziert.
Funktionelle Biodiversität Die funktionelle Biodiversität umfasst die Vielfalt der ökologischen Funktionen, Prozesse und Rollen, die Organismen in einem Ökosystem erfüllen.
Natürliche Schädlingskontrolle Die natürliche Schädlingskontrolle beschreibt die eigenständige und kontinuierliche Regulierung von Schädlingen durch natürliche Prozesse und durch deren natürliche Gegenspieler (z.B. Fressfeinde, Parasiten und Krankheitserreger), die in einem intakten Lebensraum vorkommen, ohne dass der Mensch aktiv eingreifen muss.
Ökologischer Leistungsnachweis (ÖLN) Der ökologische Leistungsnachweis ist der Minimalstandard für die umweltgerechte Landwirtschaft, gute landwirtschaftliche Praxis und die Einhaltung der Gesetze in der Schweiz. Die Einhaltung des ÖLN ist Voraussetzung dafür, dass ein Landwirtschaftsbetrieb Direktzahlungen des Bundes erhält.
Ökosystemleistungen Ökosystemleistungen (auch Ökosystemdienstleistungen) sind direkte und indirekte Beiträge der Natur zum menschlichen Wohlergehen.
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Die Quellenangaben und das Impressum finden Sie im Factsheet.